Getrieben

Ich war lange genug ein getriebener. Die fordernden Gedanken folgten den Forderungen des Alltags. Doch wohin treibt es uns. Letztendlich in den Tod. Zwischen dem Jetzt und dem alles verändernden Moment , ebendiesem nicht benennbaren Moment des „Da“, gibt es nur eins. Die Meisten würden sagen „Zeit“. Zeit die verrinnt. Doch was ist das, verinnende Zeit? Blicken wir auf eine Sanduhr. Feiner Sand rieselt durch den engen Hals. Korn um Korn, bis sich im oberen Glas gähnende Leere zeigt. Wir stehen immer an der unendlich engen, fast nicht vorhandenen Stelle der Ruhe vor dem Fall. Dort scheint der Sand zu verharren, um dann unerbittlich in den unteren Teil zu stürzen. Er erscheint fest. Diesen kleinen Punkt, diesen Moment versuchen wir festzuhalten, zum Beispiel mit Fotos. Warum?
Doch meist rieseln wir einfach um uns zu verlieren. Wie die feinen Körner. Alles Schwachsinn. Wir sollten das Rieseln, die Bewegung, das Leben anschauen, genießen, in ihm sein. In der Dauer, im Jetzt. Jeder Moment ist wie der Folgende oder der Vergangene. Sei er noch so klein. Einfach wunderbar.
Endlich wären wir das vorher und nachher los, dass uns Sorgen bereitet, Leid bereitet, ablenkt, antreibt.

Bewegen

Ich gehe. Nur so. Meine Sohlen spüren den warmen Boden – oder kühlere Stellen; kleinen Steinchen, das weiche Gras, den nachgiebigen Sand. Ich bin nur da. Jetzt ist immer. Tausendfach beschrieben. Selten bewusst wahrgenommen. Die meiste Zeit rennen wir, die Umgebung löst sich in rauschende Streifen auf. Wie bei einer Langzeitbelichtung, nichts ist da, alles im Rauschen verschwommen.
Zivilisation. Die Füße sind abgeschirmt. Da ist der Beton, darunter Kabel, Schotter. Irgendwann kommt das, so vermute ich, was mal die Erde war. Versiegelt, zernagt, durchwühlt, verdreckt, befleckt… Auf den kalten, glatten und quadratisch angeordneten Betonplatten die Plastiksohlen. Den Sohlen folgt das Fußbett, die Einlagen, die Socken. Fast eingemauert der Fuß in seinem genormten Industriebett.
Bewegungslos rast das Bewusstsein durch den Raum. Drüber, drunter, hindurch, omnipräsent. Bewegung, die nur so tut,, als ob sie Bewegung ist. Virilio schrieb mal vom rasenden Stillstand. Dem rasenden Stillstand der Technologie. Kalte Oberflächen, rasante Bildwechsel, Töne, Texte. Der Körper spielt keine Rolle, der Geist isoliert im apathischen Taumel. Rausch, Datenrausch, Kaufrausch.
Ich lese den Artikel über den Jakobsweg. Von den Beschwerden der Bewohner einst beschaulicher Dörfer, in denen die Pilger nach vollendeter Tagesstrecke Party machen. Laut und verloren. Sie werden sich nie finden, auch wenn sie meinen einem Weg zu folgen. Erstarrt im Rausch.
Es beschleicht mich das Gefühl, dass das Einfache nur noch einfach, sprich banal geworden ist. Durchschnittlich. Das elende „man“ von Heidegger („man macht das so oder so…“) Eindimensional ist die Sklavenmoral der letzten Menschen (Nietzsche). Wer durchschnittlich durch diese Plastikwelt rauscht, kann nicht da sein. Kommt nie bei sich selbst an. Kreuzfahrten, Shoppingtrip, Karierre, Menschen konsumieren, Befreiungstrip, Yogaworkshop, Pilgerpfad, Geplapper und Geschwätz, gestopftes Wissen. Wo ist das Studium? Das Verweilen in der Bewegung? Das Sein? Nichts scheint mehr es selbst zu sein. Wer erkennt sie noch? Die Einfachheit, das reduzierte sinnliche Sein des da. So einfach und doch so schwer zu ergründen.

Aggression und Leiden

Dunkle Gefühlswolken strömten mir vor ein paar Tagen auf der Arbeit entgegen. Wie ein kalter Herbstwind, hinter dem ein Sturmtief lauert und die Haut zittern lässt. In den Augen meines Gegenübers blitzt es. Der Blick verkniffen, trübe, verregnet. Ich atme ein, atme aus; versuche die Welle dunkelnebelig-aggressiver Energie an mir abprallen zu lassen. Welch ein Damm ist da gebrochen, wurde vom Rinnsal zur Welle?
Ja, dort sitzt er wie ein nassgeregneter Hund. Er schüttelt, windet sich, um die an ihm haftende klebriger Feuchte in die Welt zu spritzen. Ein Hund, der sich nicht traut laut zu bellen, dennoch nicht loslassen kann. Mich erreicht ein schon fast ängstliches knurren. Ich versuche, klar zu bleiben, zu beschwichtigen. Meine Worte versagen. Wiederholte Sätze vermögen es nicht den düster giftigen Odem aufzulösen. Das knurrende Gewinsel schiebt sich immer wieder, kreisförmig drehend in den engen Raum zwischen uns. Verpesteter Atem. Sätze, die sachlich klingen und dennoch nichts anderes sprechen als Frustration, Angst. Sie gerinnen immer wieder zu verstohlener Wut. Persönliche Angriffe, die nichts mit der Sache zu tun haben. In mir entsteht neben Betroffenheit das Gefühl der „Peinlichkeit“.
Was knurrt er mich an? Es sind nicht meine Frustrationen, meine Aggressionen. Was mir bleibt, ist eine Mauer zu errichten, zu versuchen, das Tosen zu ignorieren. Die Wellen, die bei mir ankommen im Zaum zu halten, meinen Geist liebevoll zu umfassen. Ich versuche die schwarze Energie, die an mir vorbeiströmt, ins Leere fließen zu lassen. Es gelingt zum Teil, nicht gänzlich. Es kostet Willenskraft und Anstrengung, den dunklen Wolken zu begegnen.
Es rettet der Atem, mein Atem. Sanft umwiegt er mit jedem Schritt den Geist. Auf dem Heimweg von der Arbeit brauche ich ein wenig, um wieder ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern. Ein Lächeln, das Mitgefühl für diesen Menschen zu empfinden versucht. Diesem Menschen, der es nicht schafft, in sich selber Ruhe und Frieden zu finden. Wie so viele.
Was eine Menge Wut ist da in der Welt. Hervorgerufen durch Neid, Selbstsucht, Kontrollzwang, dem besitzen wolle von Dingen. All dem, das nicht glücklich macht. Nicht sich selber, nicht die Menschen um sich herum. Ach, denke ich, soll er alles haben, was er begehrt. Mich interessiert nichts davon (was als Besitz von „Nicht wollen“ ausgelegt wird). Woher kommt sein Gefühl der Ungerechtigkeit? Was zeigt sich in dem Moment, in dem die oft kindlich, verspielt-freundliche Fassade dieses Menschen bröckelt? Er ist ein stechender Schmerz, verdrängter, schwerer Verletzungen, die an die Oberfläche treiben.
All das Geknurre und aggressive Gesabber hat nichts mit mir zu tun. Ich suche das Auge des Hurrikans. Das einzige Rezept welches hier hilft, ist loslassen, verlassen. Ich freue mich darauf, diesen Menschen nicht mehr sehen zu müssen. Möge er sich finden und in sich glücklich werden. Ich atme ein. Beim Ausatmen zaubere ich ein Lächeln in mein Gesicht.

Freiheit im Fluss

Wie Treibholz werden wir alltäglich vom Fluss der Zeit vorangezogen. Mal schneller, mal langsamer. Dieser Strom zernagt alles fest geglaubte. Aus Felsen wird Sediment, wird Felsen. Immer anders, immer neu. Frei fließt der Fluss, in sein Bett eingezwängt. Doch immer wieder sprengt er die Grenzen seines Laufes, versickert oder braust nicht geahnte Wege. Unaufhaltsam verändert er seinen Pfade. Freiheit ist zuallererst die Freiheit etwas zu ändern. Schon ein aktiver Schritt zur Seite öffnet neue Horizonte.
Das einengende Bett der Menschen sind die Gedanken, sind die Schemata, die gewohnten Denkbahnen. Woher immer sie kommen. Familie, Ereignisse, Beziehungen, Staat, Kultur, Religion… die Ursachen für sich egal. Vergangen, versandet. Es geht darum, die Verhaltensweisen zu entdecken, zu benennen, die Dämonen hinter sich zu lassen. Ja, manche sind kraftvoll, erscheinen fest, unüberwindlich wie ein betonierter Kanal. Andere hingegen sind porös und flexibel wie ein weiches in Sand und Schotter gegrabenes Bett. Ein aktiver Fluss findet immer seinen Weg. Sickernde Feuchtigkeit, hauchfeine Rinnsale schreiten langsam und geduldig voran. Manchmal drängt der Strom stürmisch und unaufhaltbar über die Ufer. Selbst, wenn die Tropfen versickern, versanden – immer neues Wasser sucht unbekannte Wege. Dann, überraschend stürmt die Flut heran und keine Barriere verstellt den Weg. Alles ist neu.

Herbstgefühle

Ich erahne das Gefühl der Liebe in mir. Spüre ihm nach. Dem warmen Strahlen, das vom Bauch aus durch den Körper oszilliert, die Muskeln entspannt, den Körper tanzen lässt, ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Die fröhliche Zufriedenheit, wenn die Augen sich verklärt mit der Welt verbinden, jeder Atemzug ein wohliges Gefühl hinterlässt. Locker, leicht, lässig, von einer sanften Spannung umhüllt. Ich greife es, umhülle mich mit ihm, genieße es. Ohne Objekt.
Politik, die Welt, die Zukunft versucht hingegen immer ein schleimiges Gespinst über die Gedanken zu legen. Glitschig, transparent, fast unsichtbar, jedem Zugriff ausweichend, unheimlich, kalt und heiß zugleich. In ihm blitzen Splitter auf, der Nachhall von Informationen, die durch die Welt rasen, verdampfen, kurz ihre Hitze entfalten. Dann verflüchtigen sie sich. Zum Glück.
Die Stimmung mit liebender Wärme zu durchtränken, sich heimelig und wohl in sich und mit anderen fühlen: Das einzige Rezept gegen die kalte Welt da draußen. Wie eine Wärmflasche, ein gutes Buch, ein kuscheliges, geteiltes Bett im frostigen Winter. Was ficht mich dann der kalte Wind an? Wie vermögen es dann die dürren, kahlen Äste, die wie gierige finger in den goldenen Himmel greifen, krallen, mich zu erreichen. Sollen die verwirrten einsam leblosen Reichtum sammeln, an ihrem Machtstreben, ihrer Wichtigtuerei ersticken. Was kümmert es mich?
Dann das sitzen auf einem Kissen; zentriert, entspannt bei sich seiend, präsent. An nichts mehr gebunden sein. Ohne etwas oder jemanden zu verlassen. Der Moment, in dem der Winter schön wird, bleibt das kalte, dumm-wahnsinnige Geblubber der Politik draußen. Ausatmen.

Dauer

„Es war die Analyse des Zeitbegriffs, so wie er sich in der Mechanik und Physik findet, die all meine Ideen umgestürzt hat. Mir wurde zu meiner großen Überraschung deutlich, daß die wissenschaftliche Zeit nicht dauert (que le temps scientifique ne dure pas), daß sich nichts an unserer wissenschaftlichen Erkenntnis ändern würde, wenn sich die gesamte Wirklichkeit plötzlich in nur einem Augenblick entfalten würde und daß die positive Wissenschaft wesentlich darin besteht, daß sie die Dauer ausschließt. Dies war der Ausgangspunkt einer Reihe von Überlegungen, die mich Schritt für Schritt dazu führten, beinahe alles zurückzuweisen, was ich bisher angenommen hatte, und meinen Standpunkt gänzlich zu ändern.“ (Henri Bergson, zit. im Vorwort zu „Materie und Gedächtnis“ von Erik Oger XV)(1)
Da ist sie wieder. Die Dauer. Nach Jahren der Griff ins Regal, zu Bergsons Materie und Gedächtnis. Gedanken verbinden seine Begriffe der Durée und der Intuition mit dem der Präsenz. Dem „Da Sein“ in all seiner Ruhe und Gelassenheit. Als notwendiger nicht aufständiger Aufstand gegen die Zeit und deren Diebe. Ja, die grauen Herren aus Momo sind auch wieder mit dabei, mit ihren dicken Zigarren. Zunehmend schaffe ich es ihnen aus dem Weg zu gehen, einen Schritt beiseite von der tumben Herde, die sich ihre Lebensenergie aussaugen lässt. Ich umschleiche sie, stehle mich davon. Langsam, in der Dauer, die es benötigt. Meine Intuition geleitet mich. In die Präsenz. Einer Präsenz, die genauso schnell verschwindet, wie sie gekommen ist. Oft nur der beharrende Moment zwischen zwei Atemzügen.
Dauer beinhaltet, so lehrt es Bergson, Bleibendes. Wenn etwas bleibt, verändert es. Die Zustände sind anders als zuvor. Das Wasser kommt und geht, nagt am Felsen, feinste Veränderungen, für das Auge nicht sichtbar. In seiner eigensten Dauer wird der Felsen zu Sand, löst sich auf. Die Zeit, die Termine sind einfach nur da um zu verschwinden; wie das eckige Springen der Sekundenzeiger. Tick – vorbei – tack – vorbei – tick – vorbei – tack -… Banalität
Hingegen der Atem, das „Ein“ und „Aus“ schenkt Dauer und zugleich Präsenz, verbindet Körper und Geist, bring Klarheit. Eine Klarheit, die Zeitdiebe mit ihren sinnlosen Sitzungen und Terminen nicht kennen. Wir könnten sie jetzt sofort abschaffen. Es würde unserer Arbeit, dem Studium, dem Leben nicht schaden. Sie sollen uns nur die Räume und Mittel geben, um diese warm zu halten. Ohne Verwaltung wäre es besser zu bewältigen, die Zeit in Dauer zu verwandeln. Den Raum, das dazwischen mit Sinnvollem zu füllen – studierend zu handeln.
Bergson, H. (1991) Materie und Gedächtnis. Meiner Verlag, Hamburg

Ver-fall

Warme Herbstsonne kitzelt das Gesicht. Ruhe, wonnige Ruhe. Ein leichtes, schabendes Rascheln von oben, dann ein sanftes Auftreffen unten, auf dem Boden. Abermals. Mal lauter, mal leiser, dann kaum vernehmbar ein weiteres. In die Lücken zwischen der Leere meiner Gedanken mogeln sich Gefühle, Worte, Sätze die sich wie Haikus anfühlen. Ja!, das ist die Zen-Stimmung, aus der diese komprimierten Empfindungszeilen gewachsen sind. Schwere, wohlige Ruhe im Fall, Verfall. Ein weiteres Blatt, schwach vernehmbar trifft es auf den Boden. Ich sehe es nicht, denn ich bin bei mir. Mein Ohr ahnt die Berührung in Bewegung hin zur Stille. Pause. Alles geht vorüber. Der nächste Atemzug.

Einstieg in den Ausstieg

Meine Zeit ist der Zucker des Lebens. Jede Sekunde, jede Millisekunde ist ein unermesslicher, einmaliger, wohlschmeckender Schatz. Doch dann schleichen sie sich an. Kaum in Sichtweite schreien sie, fordern – die Termine. Wie Ameisen. In großer Zahl stürzen sie sich auf freie, unbesetzte Momente, schnappen, greifen zu, zernagen und verzehren die Zeit. Willkommen im Alltag, willkommen in der Arbeitswelt. In der genormten und künstlich gerasterten Welt. In der vollen, eckigen, zugemauerten, betonierten, lauten Plastikwelt.
Kaum angekommen regen sich in mir Fluchtreflexe. Trotz so manchem schmackhaften Zusammentreffen mit fantastischen Menschen zu hirnbewegenden Themen. Unter Anderem in einem Zelt, einer Jurte, eingekesselt von den systematisch entlebten Mauern. Schöne Momente drohen unter der digitalen Flut belanglosen Geplappers unterzugehen. Qualitative Momente werden von den Ergüssen der Tabellen und Listen erstickt, die bedient werden wollen. Das Berechnende hat sich in alle Ecken der Welt verteilt, greift die Köpfe an. Ohne Gnade wird Zeit geraubt. Erneut denke ich an die grauen Männer aus Momo, mit ihren Zigarren. In meinem Bauch regt sich Ekel, Abscheu, Abwehr. Tief atmen und die Beklemmung löst sich in einer schwarzen Wolke auf. Ich bin professionell, lebendig genug, den Getriebenen freundlich und offen zu begegnen. In dem Wissen, dass der Ausstieg absehbar ist. Dann können mich all die Ameisen mal. Sollen sie in ihrer gekästelten Welt weiterhin fleißig in den Kalendern und Tabellen den Zucker jagen.
Ich schaue auf den Regen, der langsam, kaum sichtbar die sehnsüchtige Erde benetzt. Zeit für einen gemächlich bedenklichen Spaziergang zu früher Stunde. Ich werde versuchen auf jeden Schritt zu achten, den Blick klar, aufmerksam in die Welt schweifend. Die Unregelmäßigkeit der Natur genießen, die Welt genießen, den neuen Tag, der mir geschenkt wurde genießen.

Strandgut

Tang, Muscheln, Bambus, manchmal ein toter Fisch, Gehäuse, Holz… Das Meer spült es an. Die kleinen Fliegen am Morgen, in der Dämmerung umschwirren meinen aufrechten Körper, wohl in der Annahme, er sei ebenfalls angetrieben worden. Immer wieder kitzeln sie auf der Haut. Sie irritieren den Fleischberg nahe der Brandung, zwischen den wassergeschliffenen Felsen. Je besser ich in die Leere komme, desto mehr werden sie ein Teil von mir und ich von ihnen. Wie jeden Tag rauschen die Wellen, geben ihren rhythmisch-chaotischen Takt. Mit und gegen den Atem. Spülen Dinge hierhin und dorthin, zermahlen, nehmen mit, verteilen, zersetzen…
Am Abend werde ich zu – fühle mich wie Strandgut. Gestrandet am Airport. Gelassen nehme ich nach einem kurzen Schreckmoment die Durchsage auf, dass der Flug ausfällt. Ein Zeichen? Soll ich auf der Insel bleiben, der Arbeit, dem Alltag entfliehen. Dumme Frage, es nutzt nichts, vor der Wirklichkeit wegzulaufen. Zudem ziehen mich die lieben Menschen an, die ich länger nicht sehen und spüren konnte. Die Ereignisse spülen unsere aufgeregte Gruppe zuerst vor das Terminal, dann in Busse und zuallerletzt in eine von diesen Hotelanlagen, die ich nie freiwillig betreten würde. Ich freue mich, lasse mich treiben. Ein Lächeln umspielt meinen Mund. Es gibt Neues zu entdecken, Unbekanntes: Das wirkliche Leben, welches sich für mich bislang hinter den immer gleichen, gephotoshoppten Bildern von Reiseprospekten verbarg. Mondänes Licht; ein schicker Name; 4 güldene Sterne, eine breite Auffahrt, der beleuchtete Pool, der Rasen gepflegt, die Liegen in Reih und Glied. Nur der Portier in schnieker, dezenter Uniform fehlt.

Alles so eckig hier… ein Vorgeschmack auf die Heimat


Einchecken, dann hungrig zum Essen. Urlauber*Innen, die um das Buffet schleichend dreinblicken, als wenn sie sich in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit drängeln. Liegt es an den Wolken, dem für die Insel ungewöhnlich frischem Wind, dass kaum Freude zu spüren ist? Morgens am Pool das einsame Paar, im Schatten des Schirms und der Wolken, in Badehose und Bikini. Beide den Blick auf ihre Smartphones gerichtet. Ich staune. Im Hintergrund ist die aufgewühlte Brandung des Meeres zu hören. Ich sinniere über den Konflikt „eckig“ vs. „rund“ bzw. „amorph“ nach. Der eckige Pool, der eckige Rasen, das eckige Hotel, die eckige Liege, die Anordnung der Dinge – eckig. Nur der Schirm ist rund. Dagegen im Hintergrund, vierhundert Meter weiter, der amorphe Strand, die wilden Wellen, die zackigen Berge, der freie Himmel an dem die Wolken spielen, der südländisch unebene Bürgersteig mit seinen Lücken und Unregelmässigkeiten…
Die Stimmung unter den Gestrandeten ist gut, freundlich gelöst. Begegnungen ereignen sich. Für mich sogar eine, die sich in der Heimat fortsetzen könnte (warum kommt man ausgerechnet mit Menschen ins Gespräch, mit denen man einiges gemeinsam hat?). Es werden Beziehungen geknüpft, man treibt fragend voran, tauscht sich aus. Rutger Bregman Betrachtungen aus dem herrlichen Buch „Im Grunde Gut“ werden bestätigt. In Krisen (Eine Nacht in der Hotelburg ist an sich keine) zeigt sich das Gute im Menschen. Hilfsbereitschaft, Offenheit, sogar Gelassenheit.
Dann nach weiteren letzten, kurzen Besuchen am mit Liegen vollgepflasterten Strand treibt es mich zurück in den Bus und dann an die heimatlichen Gestade… mal schauen, was so kommt.

Ende und Anfang

Die Wellen rauschen rhythmisch. Mal im Gleichmaß, selten ein dumpfer, knallender Bass, wenn sie in Felslöchern brechen. Dann die sanften Phasen, das gurgelnde Plätschern des Rückflusses; es klingt wie ein Bach. Unvermittelt trägt der leichte, warme Wind menschliches Geplapper an mein Ohr. Zwischen den Klängen des Meeres und der Luft kaum wahrnehmbar, aber dennoch vorhanden. Wie ein dunkles Zeichen frisst sich die Banalität sinnloser Wortfetzen in die da-seiende, geräuschvolle Kulisse des Meeressaumes, die dem Ohr schmeichelt, die Beruhigung meines ewig schnatternden Geistes fördert.
Wie von Bürokraten in Papier und Tabellen gebrannte Regeln und Gesetzte wird Unnötiges vor sich hingesagt, nur um etwas zu sagen. Es fühlt sich an, als falle der Alltag wie eine Horde gefräßig quiekender Ratten über die bewegte Stille her. Ich nutze den Atem, dem Hin und Her der Wellen folgend. Dann bin ich wieder „da“. Letzte Fragen verdampfen in die Leere. Was interessieren sie mich? Was haben sie mit mir, was mit der Erde, was mit der Welt zu tun? Sie verklingen, ob sie da sind oder nicht.
Ein Jahr Wu Wei, ein Jahr anders tun, ein Jahr nachdenken, ein Jahr in die Präsenz kommen. Ein Jahr ohne Excel-Tabellen, Bürokratie, Labermeetings und Sachzwänge. Mit nur wenig sinnlosem Geplapper. Was eine wunderbare Zeit der Erdung, voller Nähe zur Natur, voller Ruhe und zu-sich-kommen. Nicht denken, einfach denken, konzentriert denken. Nicht nachdenken, jetztdenken. Beziehungen pflegen, Verbundenheit zu lieben Menschen spüren. Welch ein Privileg, dies genießen zu dürfen, ohne wirklichen Verzicht, der dennoch geübt wurde. So voll, so vieles, so viel Leere, für die sonst zu wenig Raum ist.
Jetzt wird dieser Weg für zwei Jahre unterbrochen oder zumindest abgeschwächt. Ich nehme mir vor, ihn dennoch mit Haltung zu beschreiten. 道, – Do. Dazu gehört es, für die Menschen da zu sein, ihnen in ihrer jugendlichen Suche als verlässlicher Partner zur Seite zu stehen. Ich werde versuchen, ein aufmerksam präsenter hin-weisender zu sein, der den eigenen Weg zu finden hilft. Auch meinen – von ihnen lernen. Mehr will ich nicht. Mehr werde ich nicht tun. Wozu auch? Für die Politiker und Bürokraten, die Geldmacher und Spekulanten? Sie verdienen nichts, selbst wenn sie mit Bergen materieller Zeugs gestopft sind. Alles Illusion. Keine Werte. Banal wie das Geplapper am Strand, das nicht „da“ zu sein vermochte. Nur die Leere, das „Nicht“ bleibt. Wir sollten beides üben.
Nicht-Ziel ist es, so wenig wie möglich Teil der Raster und Berechnungen, unter denen Menschen und Natur leiden, zu sein!
Das große „Nein“, das zugleich ein großes „Ja!“ ist: Nein zu den leeren Worten und gedroschenen Phrasen neoliberaler Gesinnung. Das narzisstische Geplapper, welches letztlich nur der ökonomischen Verwertbarkeit dient; die Welt in den Abgrund reißt, Kriege führt…
Das große Ja dazu, wirklichem Sein und Denken Raum zu geben. Zeit leben. Zufrieden zu sein.
Wenn ich über die auf mich zukommenden Hohlheiten nachsinne, wird mir ganz schwummerig. Ich möchte die Insel am liebsten nie mehr verlassen. Trotz des Wissens, dass dieses würgende Netz, welches sich um Welt und Gedanken gelegt zu haben scheint, auch hier seine feinen, scharfen Fäden spinnt.
Nicht die Stellung ist wichtig, es ist die Haltung, die ich ein Jahr üben, entdecken und vertiefen durfte. Ich werde fortfahren und allen, die es hören wollen, gerne mitteilen, was dies für mich bedeutet.