Fest

Nach dem Kloster hört die asphaltierte Straße auf. Der vierradgetriebene Geländewagen, der sonst Weinkisten, Oliven und Material auf und von den Feldern transportiert, steuert souverän über die enge, sandige, steinige Piste. In dieser und jener Serpentine hat so mancher Sturzregen seine Spuren hinterlassen. Durch Kurven, mit kurzem Gruß und ein paar Worten zum gelassenen Schäfer an der improvisierten Hütte vorbei, geht es hinunter in das tiefe Tal. Hier und dort klettern Ziegen in den steilen Hängen oder chillen im Schatten. Am Gebäude mit Unterstand, das aus rohen Steinen zusammengefügt wurde, werden die Stühle, Getränke, das Gemüse für den Salat und vom Dorfschlachter erstandenes, lokales Fleisch ausgeladen. Dann wird der Grill aus umliegenden Steinen improvisiert. Feiern mit einheimischen und deutschen Freunden, auf kretische Art. die Kinder tollen herum, hüpfen in der kaum bevölkerten Bucht ins Wasser, klettern auf Felsen oder inspizieren die schattige Höhle weiter oben an der Steilwand.


Katzen oder sanft bimmelnde Ziegen schauen vorbei und machen sich über die Gemüsereste her. Ich sitze auf einem Fels. Wellen lassen die Steine am Ufer immer wieder leise klackern. Gen Horizont am Felsen brechen sich ihre großen Brüder des offenen Meeres. Nach dem morgendlichen kurzen Regenguss mit Regenbogen brennt die Sonne erneut auf die trockene Landschaft. Ich genieße das Tief, die entspannte Gemeinschaft, den „greek talk“ und das auf den Punkt gebrachte Dasein.

Weinlese

Trinken, trinken, trinken. Der Körper stößt jeden Milliliter Wasser bei 36 Grad und körperlicher Arbeit sofort aus. Die Frische des frühen Morgen ist gewichen. Jetzt, nach vier Stunden, brennt die Sonne. Die nächste Traube glitzert dunkelrot durch das Grün, verwickelt im Stock. Ihr kleiner Ansatz verborgen im Gewirr der Blätter und Reben. Klack, sie fällt in die freie Hand, wird sanft zu den schon geernteten in die Kiste geworfen. Daneben die Nächste. Ein paar Meter weiter – klack, klack, klack. Eine Reihe nach der Anderen lassen wir hinter uns. Wir, die Hilfsarbeiter und Freunde des Besitzers. Hier und dort ein Gespräch, gut gelaunte Tätigkeit. Trotz der Anstrengung. Zwischendrin, im Schatten, Pause nehmen. Trinken, trinken, trinken.
Die un- oder falsch trainierten Muskeln im Rücken rumoren. Sie Halten durch, versehen ihren Dienst. Ich fühle mich geerdet. Spüre Demut, den Respekt vor den Menschen, die Tag aus und Tag ein die Flur bestellen, säen, Brunnen bohren, Bewässerungen legen, pflegen, ernten…. Ein rauer Alltag, so widerborstig wie das hakige Gras, dass sich im schwarzen Stoff meiner Schuhe festbeißt. Hier ist nichts glatt wie die spiegelnde, knisternde Plastikverpackung im Supermarkt. Keine Ware. Ein Produkt, das Mühe und Arbeit in sich trägt.
Eine große Anstrengung, die wie jeder Kraftakt dem man sich stellt, mit einer tiefen Freude und Erfahrung belohnt. Dabei tritt das Tun, das fließt, bis es erledigt ist, in den Hintergrund. Es geht um das Miteinander, die Beziehungen zwischen den Menschen zur Natur, zu sich selbst.
Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, als wir am Nachmittag völlig erschöpft „chillen“.

Götzen-Dämmerung

Tanzen, spielen, lernen. Diese Dinge leben durch Wiederholung, Rhythmus, dem ewig werdenden „Vor“ und „Zurück“. Es ist ein Naturprinzip, wie die Wellen, die an den Strand tanzen. Sie sind weg und wieder da. Kommen und gehen. Wie das „Hin“ und „Her“ im Spiel. Einfach so. Genauso der Mensch, der sich im Tun verliert; versunken aufgeht. Fließend im Rhythmus von Herz und Atem. Die banalsten Dinge zu lernen – wie zu spielen oder zu tanzen – selbst wenn diese spontan daherkommen, bedarf der Übung. Stehen ist für das Kleinkind schwierig. Immer wider fällt es und steht wieder auf. Übung bedeutet Wiederholung. Hinzu kommen Konzentration und Willenskraft. Ohne Durchhaltevermögen kommen Menschen nicht voran.
Ich spüre, dass dieses Üben, welches den Weg zur Meisterschaft ebnet, nicht mehr ausreichend trainiert wird. Nicht im Kindergarten, nicht in der Schule und schon gar nicht in den Universitäten. Das wahre Lernen und Studieren verbirgt sich hinter genormten Zielen, Tabellen, Noten. Wie soll sich in einem solchen Rahmen etwas entwickeln. Wo ist hier Raum für sinnierende Neugierde und langfristiges Betrachten? Wo soll im rasenden Vollgeballere mit „Stoff“ Durchhaltevermögen gebildet werden? Wo ist der Prozess, der entgegen dem Rhythmus von Semester zu Semester, von Klausur zu Klausur ruhiges Verweilen zulässt? Das entspannte Fehlermachen, das sich korrigieren? Das Finden und Erfahren von kleinen Zielen? Der Raum Freude am erreichten Fortschritt zu genießen? Etwas zu erreichen oder aus dem Fehler gelernt zu haben? Es noch einmal, ohne Druck zu probieren? Immer wieder? Die Freude über die Korrektur durch die Mitlernenden oder die Lehrenden (die auch mitlernen sollten).
Das nicht nur ich so denke, dass dieses Problem schon sehr lange existiert, entdeckte ich freudig beim Lesen. Durch entspannte Lektüre unter mediterranem Himmel wurde ich durch Robert Pfaller in die Götzendämmerung geworfen.
Warum habe ich dieses Spätwerk des zunehmend giftiger werdenden Nietzsches nie gelesen? Nicht so explosiv wie Ecce Homo, aber klar, hart, voller Wahrheiten. Auch, wenn einige seiner Ergüsse im 19. Jahrhundert stecken geblieben sind, dort bleiben sollten. Ich zitiere den Denk-Meister, der an seiner Gesundheit und vielem Anderen gescheitert ist: „Denken lernen: man hat auf unsren Schulen keinen Begriff mehr davon. Selbst auf den Universitäten, sogar unter den eigentlichen Gelehrten der Philosophie beginnt Logik als Theorie, als Praktik, als Handwerk, auszusterben. Man lese deutsche Bücher: nicht mehr die entfernteste Erinnerung daran, dass es zum Denken einer Technik, eines Lehrplans, eines Willens zur Meisterschaft bedarf, – dass Denken gelernt sein will, wie Tanzen gelernt sein will, als eine Art Tanzen…“
Ich beobachte die Felsen am Meer. Das „Hin“ und „Her“ der Wellen zermahlt den Stein; mit immenser Geduld. Kleine Steine wirken reibend Löcher. Einfach so. Wieder und wieder. Als wenn sie üben. Voller Konzentration, Willenskraft und stürmischer Ruhe.

Pfaller, Robert (2013) wofür es sich zu leben lohnt. Fischer, Frankfurt am Main
Nietzsche, Friedrich. Götzen-Dämmerung (1889) (S.41-42).

Verweht und fest

Jeder Tag ist anders, neu, erfrischend. Die Angler haben Pause. Nichts tun? Anders tun? Doch zu früher Stunde schattige, morgendliche Strand, die Sonne erwartend, ist überraschenderweise nicht verwaist. Eine Gruppe griechischer Mädchen sitzt entspannt und fröhlich im Kreis. Ich bemerke zuerst den kleinen „großen“ Hund, der mich mit interessiertem Blick mustert. Dann fallen mir die Welpen auf, die in ihrer behüteten Mitte erste zögerliche Schritte in der Weite der Natur wagen.
Am Kraftplatz, eng an den Felsen gekauert ein Bündel, ein kleines Knäuel aus Schlafsäcken. Ich nähere mich. Zwei Schlafsäcke, Rucksäcke, eng verschlungen. Während der Gymnastik schält sich eine Frau oder ein Mädchen langsam erwachend, in die über den Horizont steigende, kühlwarme Sonne, blinzelnd aus ihrer Umhüllung. Als ich mich setze träumt sie müde in die Weite des Meeres , die gesetzten Berge hinaus. Jugendliche Nomaden, die kein steinernes Dach über dem Kopf benötigen. Ich nehme behütete Freiheit und zugleich Verbundenheit mit der Natur war. Wie bei der Hundegruppe.
Ich versinke in klarer Präsenz zwischen Himmel, Bergen, Meer. Fest mit der vergänglichen Erde verankert. Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.

Angler

Ruhig stehen sie da, blicken fernverloren an der Schnur entlang, die im leicht welligen Meer verschwindet. Ruhig, gelassen, wartend. Eine Übung in Geduld. Seit gestern haben zwei Angler in der frühen Dämmerung den Kraftplatz besetzt. Ihr Werkzeug, eine einfache Fadenrolle mit Schnur und Haken. In ihrer Nachbarschaft fällt mir sofort ein neuer Ort ins Auge; wir stören uns nicht, beobachten uns höchstens in stiller Neugierde.
Angeln scheint mir auch eine Form der Meditation zu sein. In sich ruhend, beobachtend, konzentriert-verträumt, ausdauernd. Vielleicht kurz durch den Moment unterbrochen, wenn die Schnur zittert, ein Fisch anbeißt; ein Moment, den ich nicht erlebt habe. Ich glaube nicht, dass es ums Fischen geht. Es geht ums Tun. Ums da sein. Darum am Meer zu sein, im leichten Wind stehen, den Sonnenaufgang spüren. Angler und der ursprünglich die Scholle bearbeitende Landwirt sind geerdet. Im Kontakt mit dem Boden, von dem ich in der Stadt in vielen Schichten getrennt bin. Schuhwerk mit Sohlen, Gehwegplatten, Asphalt, Sandbett und Fundament, Rohre und was noch alles mich von der Erde, von „Welt“ trennt.
Vielleicht treffe ich sie morgen wieder. Dann erden wir uns erneut gemeinsam, gehen barfuß den feuchten Sand spürend, nicht-handelnd in der Welt auf. Kommen zu uns, verbinden uns mit allem. Werden zu Sandkörnern, die sich wie Felsen fühlen.

Nichts

Ich sitze hier und tue nichts. Nur mein Körper schaut in die Weite, schweift gedankenverloren über das Meer, verliert sich in der Dünung, spürt den Wind, ahnt die vergängliche Solidität der Berge. Die Zikaden schreien sich in Wellen die Seele aus dem Leib. Ihnen ist egal, auf welchem Busch sie hocken. Hauptsache einfach mal rufen und hören, wer noch so da ist. Die Sonne brennt angenehm. Nur in solchen Momenten können Gedanken entstehen, die sich tief, schwer, zugleich hingegen ach so leicht anfühlen. Sie kommen und gehen. Wischen durch die Welt. Einfach so. Präsente Gedanken. Kein schweres hängen am Gestern und Morgen. Keine Ziele, Aufgaben und Termine.
Wozu braucht man sie? Das tätige Denken der heutigen Zeit ist verschwunden. Taugt es etwas, wenn es keine Kriege verhindert, diese wunderbare Welt in den Abgrund zieht? Das Leben nicht leben lassen? Dieses Denken hat Dinge wie Sesshaftigkeit, Arbeit, Lohn, Excel und Besitz erfunden. Dieses Denken behauptet ein Oben und ein Unten. Hierarchien und systemische Abhängigkeiten. Am besten durch Zahlen, die in kleinen eckigen Kästchen eingesperrt sind. Nur die Summe Zählt. Es lebe die Technologie. Alles wird nach Formeln formuliert. Einfach gesprochen: nachgeplappert. Nichts Neues, kein Werden. Starre. Früher Tod in jedem Moment.
Eine Böe und diese Gedanken des kalten Nordens sind vertrieben. Nun tanzen sie wieder, ganz für sich alleine. Im eigensten Rhythmus.

Schwach

Robert Pfallers Werke mögen gerne, wie auch die seines Denkfreundes Slavoj Žižek, in wärmerer Umgebung langsam verdaut werden. In südlichen Gefilden oder in der Badewanne. Sicherlich, das kleine Lächeln, wenn es schon wieder um das fremdbestimmte, individualisierte Subjekt geht, dem das gesellige Rauchen durch verinnerlichte, narzisstische neoliberale bzw. postmoderne Mindsets vergrämt wurde. Pfallers große Geschichte. Wie die des Materialismus.
Wirklich gefreut und zum Nachdenken angeregt hat mich sein Aufruf, wieder mehr Nietzsche zu lesen. Ein Aufruf an mein Ego sich mit der Vokabel „schwach“ auseinanderzusetzen. Es stellt die Frage nach dem Ressentiment: „Nietzsche hat gezeigt, dass Verlierer dazu tendieren, alles Siegreiche, Große grundsätzlich für Böse zu erklären und sich selbst damit selbstgefällig im Unglück zu verbarrikadieren […]. Die kritische Arbeit am Ressentiment, dem Hass auf das Glück, ist darum, Nietzsche zufolge, die entscheidende Leistung, die erbracht werden muss, damit jemals ein Glück erobert werden kann; damit also die Schwachen nicht beginnen, sich an ihrer Schwäche oder in ihrem Scheitern zu gefallen, umd man sich den eigenen Beuteverzicht nicht zur kritischen Gesinnung zurechtfaselt.“ (S. 87)
Ressentiment ist immer mit Besitz verbunden. Egal ob es sich um Dinge, Menschen oder Kultur handelt. Besitz ist nie ein noch so leises Geheul wert. Vermeintlicher Besitz, auch des eigenen Lebens, ist immer vergänglich. Eine einfache Erkenntnis, wie die, dass mit Besitz und Leben Leiden verbunden ist. Es geht nicht um Schwäche oder Stärke; das Gute oder Böse. Es geht um Überwinden. Ich mag den Übermenschen ja gerade deswegen, weil er zur (Selbst-) Überwindung aufruft. Zum (sich) erkennen wollen. Ein langer, gewundener, dunkler und morastiger Weg voller Tücken und Fallen. Aus diesem Grund schwächeln die Meisten, folgen blind den Irrlichtern – und gehen nicht selten unter. Sie versagen, weil es ihnen an Willenskraft, Konzentration und Bereitschaft zur stetigen Übung mangelt. Diese fordert Schritt für Schritt sorgsam zu setzen, manchmal den gleichen Weg mehrmals zu gehen.
Oder sie haben zu große Angst, sich der Vergänglichkeit zu stellen, die in allen Dingen und auch uns wohnt. Lassen wir also den Quatsch mit dem Ressentiment, und üben wir es, den Tag zu genießen, den Moment, unser Sein. In ihm ist nichts an sich „Gutes“ oder „Böses“, keine Moral oder Ideologie. Kein Ressentiment. Keine Metaphysik und auch kein Materialismus. Schwer zu lernen. Ich werde mich auch weiter mit dem Weg und diesen Moralen, dem von Pfaller und Han so verschmäten Narzissmus und Neoliberalismus, meiner geliebten Excel-Tabellenwelt auseinandersetzen müssen. Hoffentlich jedoch weniger und weniger, je weiter ich in der Selbst-Überwindung voranschreite. Ja, an Pfaller mag ich auch, dass er vieles, was ich im Lehrbetrieb erfahre, in dem es kein Studium und keine wirkliche Forschung mehr gibt, so schön auseinanderpflückt, zerreißt und beklagt. Heilige Hallen, voller Schwäche und Aufgabe an die Irrlichter, an das „das System“.
Nun denn, so ist es mit allen Schreibenden, die geschätzt werden. Sie formulieren in Teilen, was man denkt, manchmal nur spürt und erahnt. Ich danke Nietzsche, Pfaller, Lacan, Deleuze, Foucault, Han und und und… Verneigen tue ich mich vor dem Moment, den Thich Nath Hanh, Ayya Khema und meine Kyosanim und Meister*Innen mich zu lernen gelehrt haben. Den Pfad, Do zu gehen, Ki zu atmen. Wenn ich diesem Weg folge wird jede Schwäche zur Stärke. Alles wird im Sinne Nietzsches zu einem großen Ja! – im praktischen Werden.

Pfaller, R. (2015) Wofür es sich zu leben lohnt. Fischer (Sehr schätze ich auch sein Buch „Die Illusion der Anderen“)

Am Beach

Ein neuer, alter Kraftplatz am langen Strand. Der weiche Boden aus zermahlenem Fels, Muscheln und Ähnlichem lädt zur Bewegung ein. Ich spüre die Energie des letzten Jahres. Felsen rufen zum Sitzen auf. Die Ruhe in der frühen Sonne schwingt in der noch frischen Luft. Das Meer fordert zum Schwimmen auf. Badewannenfrische.
Neu ist die Erfahrung mit der Strandbar, die vormals nur als Fahrradparkplatz genutzt wurde. Den Blick in die Weite schweifen lassen. Die Elemente jenseits des Bistrotisches. Fels, der sich zu Bergen türmt, um dann von Wind und Wasser zernagt zu werden. Wieder das Vergänglichkeitsthema. Der strahlende Himmel, die wärmende, brennende Sonne. Wohltuend und dörrend.
Menschen beobachten, die ihre kurze, freie Auszeit genießen. In Reihen braten sie, kühlen sich zwischendrin ab. Viele wollen sich zeigen; prominieren, posen, machen. Wie schön, dass es sie gibt. Manche, wie der Junge mit dem frechen Bun über stoppeligem Haarschnitt erfreuen, locken ein inneres Lächeln hervor. Andere geben Anlass über sie zu Lästern. Gesprächsstoff, Abgrenzung, die sie wahrscheinlich auch betreiben. Ein wenig fehlt mir die leere Ecke, die ich am Tag besetzen kann. Wo kann ich am Tag – einfach – sitzen. Ohne Blicke, ohne Blick.

Vergehen

Da klebt sie, an der Decke des Schlafzimmers. Wie kurz vorm Absprung. Seit weit über einem Jahr. Eingefroren in der Zeit, mumifiziert, die Momente überdauernd und doch dem Verfall preisgegeben. Immer wieder fällt mein Blick auf die Hülle des Heimchens, dass sich dort irgendwann niedergelassen hat; als lebendes Wesen einfach aufhörte zu existieren. Vergänglichkeit, anicca, das erste bhuddistische Daseinsmerkmal. Ihr Schutzpanzer blieb. Zugleich ist sie immer noch da, mit mir verbunden; anatta, das dritte Daseinsmerkmal. Dazwischen dukkha, Leiden.
Die Klänge der Akkorde des Lebens. An- und abschwellen, im immer eigensten Rhythmus. Da fällt mir die alte Metapher vom Meer ein. Wenn wir die Wellen sehen, sind sie da und im selben Moment schon vergangen. Die Menschen sehen nur die Wellen. Als Emotionen, Ereignisse, Stimmungen, Freude und Schmerz. Doch die Substanz, welche die Wellen ermöglicht, das Wasser des Meeres, ändert sich in seinem Vergehen nicht. Es ist immer da, in seinem dauernden Werden.
Ich denke an die Grenze des Meeres, an dem es die Luft trifft. Den Leerraum mit der spritzigen Gischt, den wirbelnden Bläschen und Spritzern. Der Nicht-Ort, an dem es verdunstet, während sich die Feuchtigkeit der Luft im Meer niederschlägt. Auch hier vergehen im Statischen.
Ohne Vergänglichkeit, die wir so negativ betrachten, gibt es nichts Neues, kein Werden, keinen Aufbruch.
Es ist so einfach und doch so schwer zu sehen. So schwer einfach zu leben. Im Atem, in der Musik kann ich es jederzeit spüren. Wenn ich schaue. Ein zufriedenes Lächeln macht sich in meinem Gesicht breit.

Vertikal

Commons, Allmende, was für warme Begriffe. Gemeinsam schützen, bewahren, leben. Gemeinsam kümmern, ernten und genießen. Jahrhundertealte Praxen ohne Zentralismus und Hierarchien. Praktizierter Anarchismus. Praktizierte Freiheit von Herrschaft, leben mit der Natur und anderen Menschen. Sicherlich, auch hier geht es nicht ohne Probleme, ohne Leiden, ohne Konflikte. Wertvoll ist jedoch das Wissen darum wie Konflikte gelöst, entschärft werden können; zum Nutzen aller. Klar, ab und an muss jemand, der garnicht passt, den Ort verlassen, sich eine andere Gemeinschaft suchen. Die Gruppe wechseln, wie in jeder Beziehung. Vielleicht Nomade werden, dem eigenen Pfad folgen.
Leider ist das Wissen durch die Ideologie der Mechanik, des Marktes, der Hierarchien oft vernichtet, verdrängt, ausgetilgt worden. In den Momenten, in denen Gemeineigentum Privatbesitz wurde. Ebenso wie die gecopyrighteten Thesen von Pseudowissenschaftlern (Offizielle Wissenschaft ist heute zumeist ein armseliger Wurmfortsatz der Ideologien, kein kollektiver Denk- und Probierfreiraum). Es war ein Genuß den Artikel über Elianor Ostrom zu lesen. Angesichts der Brutalität unserer vertikalen Gesellschaften ohne wirkliche Gemeinschaft (ich denke da an Adlers Gemeinschaftsbegriff) legt sich ein grauer Schleier der Funktionalität über die warmen Gedanken, die das Herz froh stimmen.