Kopfhygiene

Ich putze meine Zähne, mache mich frisch, wechsele die Klamotten. Als das kühle Nass mein Gesicht erweckt, öffnen sich endlich die Augen. Frisch blicke ich in die Welt. Programm. In lockere Kleidung geworfen, mit klaren, subtil gedämpften Gedanken, verlasse ich das Zimmer. Schweigend konzentriert gehe ich die Treppe hinunter, trete unter den morgendlichen Sonnenaufgangs-Himmel. Frische Seeluft umfängt mich. Im Hintergrund das Rauschen des Meeres. Vor dem Übungsraum wartet eine Anzahl abgestellter Strandschlappen. Ich geselle die Meinigen hinzu. In gesammelter Gehmeditationshaltung betrete ich den Raum, verneige mich. Verhaltenes Geplapper dringt in die Ruhe ein. Ignorieren! Atmen! Mit einem inneren Lächeln schreite ich lockerruhig zu meiner Matte, richte die Kissen und setze mich. Dann eine Ansage: Endlich erstirbt das Getuschel.
Kurz ist sie, die Meditation. Die Gedanken kommen kaum zur Ruhe, der Geist atmet kaum auf. Es folgen langsame Bewegungsübungen, die in eine Entspannung im Liegen übergeleitet werden. Diesmal ohne Geflüster, jedoch begleitet von Ambientmusik mit Gesang… Wie sollen sich bei abstrus-esoterischen Texten über Wellen und Licht die Gedanken beruhigen? Wie im Warenhaus. Ich sinniere über Yoga-Muzak nach; konzentriere mich auf meinen Atem. Es fällt mir schwer, die Verschmutzung durch belangloses Soundgeplätscher mit sinnentleerten Versen wegzuatmen. Schwerer als eine Gehmeditation auf dem Hauptbahnhof. Ich sehne mich nach meinem Stein am Strand. Ja, das echte Plätschern, Blubbern und Grollen der Wellen; das gestreichelt werden durch den Wind, der sich mit dem Atem verbindet; den Körper mit der Natur. Esoteric-Magazine Yoga und Meditation ist für mich genauso wenig wegführend wie ein Aperol-Spritz am Strand. Ablenkung, Verfallenheit… Erneut konzentriere ich mich auf meinen Atem. Die Gedanken beruhigen sich – trotz all dieser Sinnesreize und Widrigkeiten. Zum Glück übe ich seit langer Zeit…
Oft werde ich gefragt, warum ich meditiere. Ayya Khema brachte es einmal auf den Punkt. Sie antwortete auf diese Frage sinngemäß und rhetorisch in etwa so: Die meisten Menschen stecken viel Energie in ihre körperliche Hygiene. Waschen, putzen, einkleiden, Sport treiben, den Arzt konsultieren, Diäten etc. – aber was tun sie für die Reinigung, die Gesundheit des Geistes? Auch aus meiner Sicht zu wenig. Warum nur? Wohl, weil es anstrengend, schwer ist und in unserer Kultur nicht geübt wird.
Zu Beginn braucht es, wie der „Edle 8-fache Pfad“ darstellt die Einsicht, dass der Geist gepflegt werden sollte. Dann die Absicht, sich zu ändern, einen neuen Weg einzuschlagen. Was bedeutet täglich zu Üben, um auf dem neuen Weg zu bleiben. Die uns immerzu berieselnden Ablenkungen und Anhaftungen zu erkennen und dann abschütteln zu wollen. Den Ausknopf am Handy, dem TV, der Arbeit, dem Workout oder dem Soundsystem zu drücken. Vielen erscheint es schwer, sich eben mal hinzusetzen, nur auf den Atem zu achten. Eine Aktion, die bei all den schreienden „Ein“-Knöpfen, bestellbaren Drinks, verlockenden Ablenkungen, dem Geschrei des Marktes und fordernden Gedanken zu dem anstrengendsten gehört. Die banalsten Sachverhalte zu erkennen und dann in Handlungen zu übersetzen, scheint eine der herausfordernsten Dinge in unserer Welt voller dunkler Anreize zu sein. Wie ein Wald voller künstlicher Bäume, welche die natürlichen Gewächse zu überstrahlen scheinen. Das Plastikgeflecht der Haben-Gesellschaft überwuchert jeden natürlichen Weg. Speziell den, den wir in uns tragen.
Wie kann man ob all dieser Ablenkungen zur Einsicht kommen? Der Weg dorthin ist voller Fallen und mentaler Stolpersteine. Besonders behindernd sind die alten Gewohnheiten. Fest in unserem Kopf verankert, kleben sie an uns wie glitzernder Schleim. Gehen wir nicht zumeist den geübten Weg? Den, der uns reflexartig zwingt den Arbeitshektik-Alltagsknopf aus-, und dann den Esoteric-Ablenkungs-Entspannungsknopf anzuschalten? Diese Strategie mag wirken – doch verändert sie etwas? Selbst wenn wir spüren, merken, dass etwas anders werden sollte? Wenn wir leiden? Um den dunklen, verstellenden Waldweg zu verlassen, neue Pfade der Veränderung aufzutun, brauchen wir Kraft. Wie beim Lernen benötigt es eine neue Einstellung, Offenheit und Neugierde; und Kraft. Da ist die „rechte Anstrengung oder Willenskraft“, „rechte Achtsamkeit oder Klarheit“ und die „rechte Sammlung oder Konzentration“… so sagt es der „edle achtfache Pfad“. In Bezug auf Geisteshygiene hatte der Buddha schon recht, denke ich. Er zeigte einen klaren Weg auf, ein „Dao“ (oder „Do“) – was sowohl Weg als auch Lehrmethode und Prinzip bedeuten kann. Lang ist der Weg zur Geisteshygiene. Die Zutaten sind nicht in der Drogerie zu beschaffen, schon garnicht im Supermarkt der Esoterik-Angebote. Wir müssen sie in uns finden und anwenden.
Lauschen wir dem Rhythmus, der Musik des Lebens, den Wellen und unserem Herzschlag. Tanzen wir uns frei.

Bewegung?

Der Himmel hat sich beruhigt. Das Meer drängt nach wie vor, getränkt von der Energie des Sturms, die es aufgenommen hat, an die Küste. Schwer schleichen die Wellen an den Strand. Zuerst unsichtbar nähern sie sich dem Ufer, treten aus dem Wasser heraus, schäumen auf, brechen, rumoren und klatschen, spritzen und donnern. Saugend zieht sich das hochgedrückte Wasser zurück; erfrischendes Schaumbad. In den geglätteten Spuren ihres Auslaufens der Nacht am Strand zeichnen sich die Fußabdrücke der an den Meeressaum zurückgekehrten TouristInnen ab.
Ich gehe; auf dem Atem; nehme die frischwarme Luft an. Der Wind hat sich gelegt, bis auf einen verblassenden Südhauch. Ilios kitzelt südlich wärmend meine Haut. Die Spuren, an denen ich entlang schreite drücken die un vollzogene Verlangsamung der Urlauberinnen aus. Von Zehen geworfener Sand, hektisch eingedrückte Schritte des städtischen Schlendergangs zeugen von der Dynamis des Arbeits- und Shoppingrhythmus, der an die erhabene Küste mitgenommen wurde. Geplapper zieht dann und wann an mir vorbei. Zwischendrin Kinderjauchzen. Playfulness.
Ich bin langsam geworden, bin da, verbunden mit Felsen, Sand, Wasser, Luft, Sonne und meinem eigensten Pneuma. Bis der nächste Herbststurm am Horizont heraufzieht.

Vergessen

Nahrhafte Energie für Insekten, Mikroben, Würmer und Pilze. Langsam wird verdaut, zersetzt, dann von der feuchten Herbsterde aufgesogen. All die erdigen Düfte der welkenden Verwesung deuten im warmfeuchten Spätsommer auf das Vergehen hin. Ewiges neuschaffen, anders Werden. Unendliches verwandeln, transformieren. Ein Übergang, ein Dazwischen. Der Apfel macht Rhizom mit Myriaden von Organismen, dem Humus, der Luft, mir. Vernetztes Werden – und schon wieder Deterritorialisierung. Vielleicht überlebt ein Apfelkern. Dann wurzelt und entsprießt alsbald ein neuer Baum dem Boden. Genährt von den Zerfallsprodukten der Frucht.
Ich lese zu viel Deleuze. Frische Sätze und Gedanken drängen in meinen Kopf. Zugleich beschleicht mich das Gefühl, zu viel vergesse zu haben. Es fühlt sich an, als ob Wissen sich, wie das Apfel-Organismus-Erdeteil, langsam auflöst. Vergessen gehört zum ewigen Kreislauf des Werdens wie die Wiederholung, die ewige Wiederkehr – des Gleichen; nur in anderem, mutiertem Gewand (Nietzsche). Und noch ein Gedanke: In der Lektüre vergesse ich mich, verliere mich in Gedankengeflechten. Dann hier und dort eine Lücke. Ein Geistesblitz, der fordernd fragt: Was war das noch? Ist es mir entfallen (wie der verlorene Apfel)? Wie konnte mir das entgleiten? Hab ich doch schon zweimal gelesen! Beruhigt schreit ich zum Regal. Das exterritorialisierte Gedächtnis; schaue nach, blättere suche, finde – oder eben nicht. Ja, dort eine Notiz, ja, ich erinnere mich! Der exterritoriale Speicher verbindet sich mit dem Jetzt meines Ich. Lässt wie einen Sprössling im Frühjahr neues entstehen. Neue Verbindungen im Gleichen.
Doch manchmal will es nicht kommen, das Loch wabert im Netz der Assoziationen. Tief in mir spüre ich so etwas wie Ärger darüber, dass es für immer verschwunden scheint. Manchmal kann ich mich nicht einmal mehr an ein „wo“ oder an ein „wann“ erinnern. Nur eine Leere, eine Lücke. Doch es hilft nichts, dem Loch hinterherzulaufen. Freuen wir uns über den frischen Freiraum, in die Neues hineinwachsen kann. Meinetwegen nur die ruhende Leere voller Zufriedenheit. Schön ist sie, die vergehende Frucht…

Früchte

Langsam knirscht sich ein Schritt nach dem Anderen über den sandigen Boden. Durch die Sohlen machen sich Steinchen und Bodenwellen bemerkbar. Synchron mit dem fließenden, gleichmäßigen, sanft gleitenden Atem. Der Hauch der Welt bläst im gelassenen Einklang und erzeugt einen Soundtrack raschelnder Blätter. Hier und dort der Ruf eines Vogels. Kurz und knapp. Pointierter als im Frühjahr, wo sich eine melodiöse Arie an die Andere reihte. Zwischen den Blättern die Früchte. Eicheln, Äpfel, Birnen, Rosskastanien…jede in ihrer eigenen wunderbaren Erscheinung. Mit jedem Schritt schreitet die Zeit, verliert sich der Ort um ein neuer zu werden. Deterritorialisierung – Reterritorialisierung.

Dann schweift der Geist, verliert sich, wie von Wechselwinden getrieben, im hier nach dort. Mein Körpergeist bemüht sich, das Denken durch den Rhythmus von Schritt und Atem einzufangen, zu beruhigen. Ein Satzbild gleitet mächtig in den Vordergrund, voller Zweifel: Schreite ich wirklich fort? Der dumpfe Ruf nach Fortschritt im Sinne eines Ziels. Ich erinnere mich an die Metapher des Buddha, der darauf verwies, dass der Fortschritt oft nicht zu bemerken ist. Wie bei der Abnutzung eines oft benutzten Werkzeugs aus Holz. Erst wenn es sich durch die unendlichen vielen, kleinen Berührungen abgenutzt hat, bemerken wir, dass es fast geschwunden ist. Kurz davor zu brechen, sich endgültig aufzulösen. Wie der Stumpf eines Baums, der erst morsch wird, sich dann in tausende immer kleinere Teile auflöst; Erde wird. Was eine eingängige Metapher, die, wie der Wind die Wolken, den zweifelnden Gedanken davontreiben. Fortschritt schleicht sich, solange man tut, übt, egal was, zumeist unbemerkt ein. Nur der Kopf mit seinen springenden Gedanken hadert und zweifelt: Will festhalten. Doch dann, plötzlich wird eine Veränderung sichtbar, bemerkbar. Manchmal disruptiv, manchmal langsam und sanft

Da war die Hand, die sich fast unmerklich, ich stehe auf einer Rolltreppe, auf meinen Rücken legte. Ich, konzentriert im Hier und Jetzt, ohne es bemerkt zu haben. Sachte, verwundertwurde ich aus meiner Präsenz aufgeweckt. Langsam drehe ich mich um; blicke in die braunen Augen einer Frau mittleren Alters. Sie lächelt mich an. Dann spricht sie mit leiser Stimme: „thank you for your presence in the train“. Ein wenig verwirrt danke ich ihr. Kehre in mich zurück, verliere sie aus den Augen.
Verwundert setzte ich meine Fahrt mit dem Anschlusszug fort. Setze mich auf einen der freien Sitze, gleite sinnierend auf den Atem, wie so oft in der U-Bahn. Konzentriere mich auf das Jetzt. Das Gemurmel und Geratter verliert sich. Mein Geist denkt die Gedanken bewusst. Eine Haltung, die ich anscheinend verinnerlicht habe. Ich bemerke es kaum noch. Dennoch scheint es vorhanden zu sein, sogar auszustrahlen. Ich bin auf meinem Weg. Die permanente Übung scheint Früchte zu tragen. Wohin werden sie fallen?

Schatten

„Mein Schatten ruft mich? Was liegt an meinem Schatten! Mag er mir nachlaufen! ich – laufe ihm davon.“ (1)

Ich laufe ihm nicht davon. Ich bin ganz bei ihm. Jetzt schreitet, nein schwebt mir voraus. Manchmal schleicht er verstohlen, mein Blickfeld meidend, hinter mir her. Oft begleitet er mich; halbverborgen an meiner Seite; halb versteckt. Bei fahlem Licht verschwimmt er, tarnt sich im Alltagsgrau. Heute jedoch zeigt er sich. Getrieben von der Spätsommersonne, die wärmend meinen Körper umstreift. Dann und wann verschmilzt das, über den Weg, die Gräser gleitende Abbild mit den unscharfen Formen der Bäume und Sträucher. Ein ephemeres Sein bemächtigt sich des Bewusstseins. Kaum hörbare Rufe, wie die eines nebelhaften Geistes, hallen in meinem Inneren wieder. Erinnerungsschatten machen sich als flüchtige Gedanken bemerkbar. Sie kristallisieren sich, formen sanft Begriffe. Zwei Namen: Nietzsche, Zarathustra. Ich erinnere, er wurde von seinem Schatten verfolgt, der ihn ansprach, wie meiner jetzt. Wo las ich es? Wirklich im Zarathustra? Die Erinnerung ist so unscharf wie mein lichtgeborenes Abbild in seinen unendlich variablen Grau- und Dunkelfarbtönen. Malerei der Sonne, des Lichts, schöner als jedes Leuchten. Stellt der Schatten nicht eine verwunschene Idee meiner selbst dar? Oder nur eine Metapher? Er steht, nein, schwebt liegend, sich der Welt anpassend: Für Vergänglichkeit; das Ungefähre, die Unschärfe. Das fest Verbundene, dennoch immer Verlorene? Etwas, das einen nicht loslässt, solange irgendetwas scheint?
Ja, das graufarbige Abbild verfolgt mich wie den alten Philosophen, jedes Wesen und Ding. Wenn er vor meinem Angesicht dahingleitet, spiegelt er jede Bewegung. Ich, verdoppelt. Zudem verkleben sich die Körper flexibel direkt mit der Umgebung. Gewohnte Grenzen verschwimmen, werden unscharf – wie beim Blinzelblick. Mein Schatten wird eins mit denen der Blätter und die der Blätter mit ihm. Schatten, Körper, Welt – unauflösbar im Jetzt verwoben. Was eine wunderbare Metapher, was ein sanftes Sein in Zufriedenheit. Sie wird durch den warmen Lufthauch, der den Körper umstreicht noch gegenwärtiger. Schon bald wird sich mein ewiger Begleiter im Nebel, der Gräue des Herbstes auflösen.
Zu Hause angekommen greife ich mir einen Stapel gedruckter und gebundener Papiere, suche und lese bei Nietzsche nach. Nicht nur im Zarathustra, in „Menschliches, Allzu Menschliches“ werde ich fündig. Unkonkrete Erinnerungen werden zu schwebenden Worten; schönen Worten, die mich lächeln lassen: „Der Wanderer: Ich merke erst, wie unartig ich gegen dich bin, mein geliebter Schatten: ich habe noch mit keinem Worte gesagt, wie sehr ich mich f r e u e, dich zu hören und nicht bloß zu sehen. Du wirst es wissen, ich liebe den Schatten, wie ich das Licht liebe. Damit es Schönheit des Gesichts, Deutlichkeit der Rede, Güte und Festigkeit des Charakters gebe, ist der Schatten so nötig wie das Licht. Es sind nicht Gegner: sie halten sich vielmehr liebevoll an den Händen, und wenn das Licht verschwindet, schlüpft ihm der Schatten nach.
Der Schatten: Und ich hasse dasselbe, was du hassest, die Nacht; ich liebe die Menschen, weil sie Lichtjünger sind und freue mich des Leuchtens, das in ihrem Auge ist, wenn sie erkennen und entdecken, die unermüdlichen Erkenner und Entdecker. Jener Schatten, welchen alle Dinge zeigen, wenn der Sonnenschein der Erkenntnis auf sie fällt, – jener Schatten bin ich auch.“ (2)

(1) Nietzsche, F. (1818) Also sprach Zarathustra 4. Teil in Montinari, M., Colli, G (1999) kritische Studienausgabe. DTP, München. Bd, 4 S. 338

(2) Nietzsche, F. (1818) Menschliches Allzumenschliches in Montinari, M., Colli, G (1999) kritische Studienausgabe. DTP, München. Bd 2. S. 538

Essen (gehen)

Treffen mit lieben Menschen. Ein gemütlicher Plausch und Austausch in gediegener Atmosphäre. Das Ganze beginnt mit der Reservierung…gewissermaßen fliegt das Handtuch auf den Liegestuhl, den man in 2 Stunden zu belegen gedenkt. Eine Verhinderung der Spontaneität. Es geht um begehrte Plätze; Sicherheit. Ja, Sicherheit ist so gemütlich wie eine Stahltonne, in die man sich einschweißen lässt, um möglichen Gefahren des Lebens zu begegnen. Dazu kommt die erhoffte Sicherheit, dazu zu gehören, zu denen, die es sich leisten können. Eine schön geschmückt Stahltonne, die vor keinem Krieg, keiner Vereinsamung, keinem sozialen Abstieg zu schützen vermag. Aber daran denken wir mal nicht…Reflexion ist zu anstrengend. Es geht darum, das Leben zu genießen. Nietzsches „letzte Menschen“.
Die Wahl des Ortes hängt vom Portemonnaie oder dem Dispo ab. Je weiter man nach oben kommt, grenzen, sichern sich die Orte durch Dresscodes oder einem „Dazu-Gehören“ ab. Wird das Essen dadurch besser? Werden die Beziehungen und der Gemeinsinn an jenen erlauchten Orten mehr gepflegt als anderswo? Mein letzter Besuch eines Restaurants ließ meine Zweifel massiv steigen. Kommunikation war wegen der Lautstärke sich amüsierender Gäste kaum möglich. Warum nicht gleich in einer Bahnhofshalle essen? Ist billiger.
Das nächste mal lade ich zu mir ein. Vielleicht kocht man gemeinsam. Denn zusammen etwas tun, sich nicht nur rituell bedienen zu lassen („Ist alles OK?“ – was eine sinnlose Frage der überbemühten Kellnerin), schafft lebendige Beziehung; ermöglicht tiefere Kommunikation. Ist leiser, tiefer, ruhiger und entspannender. Trotz der auch hier geforderten Rituale, etwas „besonderes“ auf den Tisch zu bringen. Vielleicht reicht eine banale aber nahrhaft-leckere Linsensuppe

Aura


Mithin kommen unerwartete, kleine, verwunderliche Begegnungen langsam angeschlichen. Ich stehe auf dem Bürgersteig, warte. Sonne bestreicht warm mein Gesicht. Ich atme konzentriert ein und aus; bin bei mir. Aus dem Nichts taucht eine säuselnde, weibliche Stimme auf. Sie fragt, ob ich die Sonne genieße. Mein Blick schwenkt, sich langsam klärend. Ich nicke leicht. Die Aufmerksamkeit geht vom Atem auf die kleine rundliche Frau mit südländischem Antlitz über. Als meine Augen auf ihre treffen, schwebt die nächste Frage in mein Ohr: „Oder meditieren sie“. Mit sanftem Atem entgleitet ein, „beides“ meinem Mund. Sie schaut mich musternd aus ihren braunen Augen an: „Sie sehen zufrieden aus, ruhig. Nur ihre linke Seite ist etwas aus dem Gleichgewicht“. Ich lächele innerlich und äußerlich. „Ja, stimmt, da habe ich gestern eine Impfung bekommen, tut noch ganz gut weh.“ Jetzt ist der dumpfe Muskelschmerz im Oberarm wieder spürbar; selbst das matte, leicht fiebrige Gefühl kehrt zurück. Gürtelrosenimpfungen sind nicht ohne, aber ich gehe damit um.
Sie fragt: „Wissen sie was ich gerade mache?“. Ich schaue sie an, denke kurz nach. „Ja, ich denke sie lesen meine Aura.“ Ihr Blick, ihre Fragen mussten es suggeriert haben. Sie antwortet: „Die letzte 2 Jahre waren…belastend für Sie. Aber das nächste Jahr wird besser.“ Ich denke kurz nach. „Ja kann sein“; antworte ich. Nach kurzem Schweigen versucht sie mir eine Sitzung „für wenig Geld“ anzubieten. Ich bedanke mich freundlich und sie zieht weiter.
Auren sind nichts für mich… Mag sein, dass sie eine spezielle Wahrnehmung für diese oder andere Energieformen hat. Ich vermute eher, dass sie eine sehr gute Beobachterin ist. Mit entsprechender Übung sollte es nicht schwer sein aus Haltung, Blick und Gesichtsausdruck den inneren Zustand eines Menschen herauszulesen, deren Energie zu erkennen. Nicht umsonst sprechen wir von strahlenden Menschen oder gebückten Personen. Zudem bedarf es, zum Beispiel um Ki- zu erleben, zu spüren, meiner Erfahrung nach langjähriger Praxis. Nicht zu vergessen, dass laut alter, nicht nur indischer Tradition Meister, Gurus, Schamanen, Heiler und Medien kein Geld fordern. Ihre Gaben oder erworbenen Skills geben sie mit Freude an Mitglieder ihrer Community weiter, die sie unterstützt und ehrt. Ein wunderbares System, dass von der Geldwirtschaft des Kapitalismus korrumpiert wurde. Spiritualität, wie glaub ich, Aya Khema mal gesagt hat, reduziert sich nicht selten auf das Lesen eines „esotheric magazin“; oder halt die teure Sitzung, Kurse, Seminare, fadenscheinige Versprechen, die liefern ohne selber etwas zu tun. Ohne, dass Konzentration, Willenskraft und Aufmerksamkeit trainiert wird…im Markt der Eitelkeiten. Zu sich kommen, Austausch basiert auf Liebe, Freude, Vertrauen und Mitgefühl. Zu sich selber und der uns warm umschließenden Umwelt.
Alle Wesen sind eine Familie. Alles ist verbunden

Sandsturm

Der feine Dunst war weit über das Meer gereist; wie wir. In der Sahara aufgewirbelt, trieb er über die Insel. Als wir an gutbekannten Gestaden landeten, begrüßte er uns. In Form eines geheimnisvollen, gelbroten Himmels, durch den die Sonne zwischen verschwommenen Wolkenformationen verwunschen schimmerte. Die seefrische Luft umwehte uns feucht-trocken. Philosophisch gesprochen war es wie immer und doch anders. Das Meer, die Weite, alles schillerte in fremden Farben. Befand ich mich auf dem Mars? Eine apokalyptische Atmosphäre, in die wir eingetaucht waren. Vereinzelte Regentropfen, die sich ihren langen Weg gebahnt hatten, versammelten die feinen Partikel. Kleine braunrote Kreise musterten sich auf allen Oberflächen.
Natura naturans at its best. Natur schöpft sich aus sich selber. Sie gebiert in ihrem Sein Momente, die uns staunen lassen. Ein Staunen, hinter dem all die geschaffenen Dinge verblassen. Einkehr und Ankommen in einen Moment, der bedenklich zum denkenden Verweilen ruft. Aus der Hektik der Reise heraus kehrt beschauliche Ruhe ein. Die Wellen glitzern in einem fremden Türkis, gluckern und rauschen dennoch in ewiger Stete vor sich hin. Der Fluss der Welt, des Lebens.
Am folgenden Tag wird überall geputzt und gewaschen, der Staub, das erhabene Erlebnis weggekehrt. Nur die besinnliche Erinnerung bleibt. Momente gerinnen zu Geschichten.

Rede und Meinung

Die Vier rechten Anstrengungen

„Die Vier rechten Anstrengungen
Was ist aber, ihr Mönche, die heilige Wahrheit von dem zur Leidensauflösung führenden Pfade?

Dieser heilige achtfältige Weg ist es, der zur Leidensauflösung führende Pfad, nämlich: rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechte Tat, rechter Lebenserwerb, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit, rechte Sammlung.. –

Was ist nun, ihr Mönche, rechte Erkenntnis? Das Leiden kennen, ihr Mönche, die Entwicklung des Leidens kennen, die Auflösung des Leidens kennen, den zur Auflösung des Leidens führenden Pfad kennen: das nennt man, ihr Mönche, rechte Erkenntnis.
[…]
Was ist nun, ihr Mönche, rechte Rede? Lüge vermeiden, Verleumdung vermeiden, barsche Worte vermeiden, Geschwätz vermeiden das nennt man, ihr Mönche, rechte Rede.

Was ist nun, ihr Mönche, rechte Tat? Lebendiges umzubringen vermeiden, Nichtgegebenes zu nehmen vermeiden, Ausschweifung zu begehen vermeiden: das nennt man, ihr Mönche, rechte Tat.“ (1)

Seit den frühesten Tagen der Literatur, die zugleich als Philosophie begriffen werden kann, wird über die Sprache gesprochen. Sie kann Wahres bezeugen – jedoch auch von Falschem berichten (2). Die Griechen, wie schon Parmenides (3) unterschieden zwischen den „doxa“, den Meinungen und der Wahrheit, der „aletheia“. Letzterer Begriff ist bei Heidegger der Ort, in dem sich unsere Ek-sistenz lichtet. Der momentane Ort der „Unverborgenheit des Sein“ (4). Der Kegel des wandernden Scheinwerfers auf der Bühne des Lebens, der im Jetzt das flüchtige Sein im Da beleuchtet – bevor es im Strom der Zeit weiterwandert, sich das Sein erneut verdunkelt.
Ebenso fügen sich die Worte der Sprache, die Bilder und Symbole im Strom der Gedanken, die unser Sein ausdrücken zusammen. Kommen und vergehen in einem unendlichen Fluss. Was soll da diese Rede von ewigen Wahrheiten? Schon der Gerede von „Ich“ verflüssigt sich bei jedem Schritt. Wird immer wieder anders. Daher scheint es ratsam mit der Sprache, den Meinungen sorgsam umzugehen. Leidhafte Gedanken, böse Rede, dunkle Wahrheiten führen schnell zu schädlichem Handeln. Bringen Leid und Schmerz in die Welt.
Um dies zu vermeiden hilft ein konzentrierter, klarer Blick auf den nie versiegenden Gedankenstrom. Trainieren wir nicht nur unseren Körper und unseren Geist. Er benötigt tägliche Praxis in Willenskraft, Klarheit und Konzentration. Sie müssen geübt werden. Das Gegenprogramm zum Leid der gehetzten materiellen Welt, die uns mit ihren röhrenden Lautsprechern und verführerischen Bildern, einzig wahren Büchern der Religionen und Ideologien, „schnellen Schüssen ins Gehirn“ (5), fett gedruckten Imperativen und subtilen Messages immerfort vom Weg abbringt.

(1) Mahāsatipatthāna Sutta, Die Grundlagen der Achtsamkeit
https://www.palikanon.com/digha/d22.htm

(2) „Hirten der Flur, unnüz hinträumende, Bäuche nur einzig!
Wir verstehn viel Falsches, wie Wirklichem gleich zu verkünden;
Wir verstehn, wenn wir wollen, auch anzusagen die Wahrheit.“ Hesiod, Theogonie (ca. 700 v.Chr.) https://www.projekt-gutenberg.org/hesiod/theogon/theogon.html

(3) Parmenides von Elea, Fragmente (http://www.zeno.org/Philosophie/M/Parmenides+aus+Elea/Fragmente/Aus%3A+%C3%9Cber+die+Natur)

(4) vgl. Heidegger, M (1993) Sein und Zeit. Niemeier, Tübingen und spätere Aufsätze

(5) Kroeber-Riel, W (1996) Bildkommunikation.Vahlen, München S. 53

Fest und grenzenlos

Ich bin kein Freund der Mathematik. Mein Gehirn scheint deren Konzepte in ihrer diskreten Erscheinungsweise nicht so locker anzunehmen. Es bewegt sich lieber im Raum des Ungefähren, des Unscharfen, des künstlerisch-spielerischen Philosophierens. Mit Freude lese ich Deleuzes und Guattaris Auslassungen. Selbst wenn von Abzissen und Mengenlehre die Rede ist, scheinen Denkpfade und spannende Aspekte auf. Diese Freunde im Wort helfen selbst bei der Diskussion „natürlicher Zahlen“. Diese Zahlzeichen spielen in meinem Leben kaum eine Rolle, außer ich muss etwas zählen oder bezahlen. Dennoch bringt die Diskurswolken dieser Φίλοι mir über mathematische Begriffe, gepaart mit der Bewegung, dem Werden, das Konzept der Grenzen näher: „Verzögerung heißt, eine Grenze im Chaos zu ziehen, die von allen Geschwindigkeiten unterschritten wird, so daß sie eine als Abszisse bestimmte Variable bildet, die man nicht überschreiten kann (etwa ein Maximum an Kontraktionen).“ (1)… Und so fort. Der Grenzwert. Die Grenze, ein Funktiv wie die Variable; im eingegrenzten Raum, den die Wissenschaft erzeugt. Arbiträr. Territorialisierung, Deterritorialisierung und Reterritorialisierung zwischen funktionalen Begriffen (Zahlen?) der Wissenschaft und beweglichen Begriffswolken der Philosophie, der wie alles eine handelnd-werdende Versammlung (Assemblage) darstellt. Erneut denke ich an ziehende Wolken. Ich denke Kunst und Spiel.
Ein fluides Denken schwebt in meinem Geist. Es greift nomadisierend nach Horizonten auf Plateaus. Deleuze und Guattari sprechen vom All-Einen (2). In meinem Kopf verbindet und verweben sich die Begriffe. Das All-Eine wird zum Brahman der Upanischaden (3), in das sich unser selbst (Atman) nach uralter Lesart dereinst eingeht; wir uns auflösen, entgrenzen werden. Über den leeren Raum schweife ich zu den Begriffsbrüdern Anatta und Anicca des Buddhismus. Alles ist im Werden, okzidental gesprochen „universell“. Jedoch ohne Fixpunkte, Transzendentalien. Begriffe, die sich in einem feinen Gespinst von All-Verbundenheit verknoten und zugleich wieder neu verbinden. Wir können sie als Variable, als mögliche Container nur kurz fassen (Grenzwerte), bis sie uns entgleiten. Ein wunderbares neues und zugleich uraltes Denken, dass immer wieder versucht, unser Klammern an feste Dinge (auch Zahlen) mit ihren scheinbar fassbaren Grenzen aufzulösen. Ein Denken, das erlebt, praktiziert werden möchte, um sich in der Leere zu zeigen. Heraklits πάντα ῥεῖ ! Das Yogi Siegel aus Mohenjo Daru! Atem, Prana und Ki, deren Begriffe so kraftspendend wie leer sind. Die Körper-Geist-Einheit muss sie gelebt, wir uns entgrenzt haben. Ohne deren Energie und ein kreisendes Ein und Aus stetigen Atemflusses ist kein Leben. Fließender Austausch.
Durch dieses Denken stellt sich alles fest geglaubtes, speziell in Bezug auf ein Festhalten (Besitz) in Frage. Denn wer besitzt schon mein Leben? Ich? Wo ist mein Trauma? Im unergründlichen Unbewussten? Woher kommen meine Gedanken? Von mir? Wo ist eine Wahrheit? Mal hier mal dort, mal fest, mal ein im Nebel ungreifbarer Schemen… Von Ast zu Ast schwingende Affen, die im Dickicht des Urwaldes davon gleiten, bis ihre letzten Rufe verhallt sind. Ziehende Wolken…

(1) Deleuze, G., Guattari, F. (1996) Was ist Philosophie? Suhrkamp (S. 136)

(2) „Als vorphilosophisch oder gar nicht-philosophisch jedenfalls setzt die Philosophie die Macht des All-Einen, und zwar als wandernde Wüste, die von Begriffen besiedelt wird.“ (ebenda S. 14)

(3) „Das Universum kommt aus dem Brahman hervor und wird zu Brahman zurückkehren. Wahrlich alles ist Brahman.“ Chandogya-Upanischad in Easwaran, E. (2008) die Upanischaden. Arkana, München (S. 243)